Zum Buch:
Im Alter von 94 Jahren hat Sybille Bedford ihre Lebenserinnerungen geschrieben. Aus Zeitnot, wie sie selbst sagt, beschränkt sie sich dabei überwiegend auf die Jahre vor dem zweiten Weltkrieg. Diejenigen, die ihre stark autobiographischen Romane “Ein Liebling der Götter” und “Ein trügerischer Sommer” gelesen haben, kennen bereits viele Episoden ihres Lebens, wenngleich verfremdet. Aber auch, wer durch die Autobiographie zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Autorin macht, wird schnell fasziniert sein. Hat man das Buch ausgelesen, bedauert man jedes Jahr, das sie nicht mehr beschreiben konnte.
Sybille Bedford beginnt das Buch in den frühen 50er Jahren in Genf, führt in Kreisen und Ellipsen, Einschüben und Reflektionen vor und zurück, doch weder sie noch der Leser verlieren dabei den Faden. Was macht den Text und dieses Leben so faszinierend? Das sind natürlich allein schon die Ereignisse, Stationen und Personen. Englisch-deutsche Eltern, Wechsel zwischen Deutschland, England und Italien, Bekanntschaften und Freundschaften u.a. mit Maria und Aldous Huxley, Erika und Klaus Mann, Martha Gellhorn.
Verblüffend ist, wie uneitel, ohne Überhöhungen aber auch ohne Anklagen, Sibylle Bedford ein gleichsam pflanzenhaftes Aufwachsen beschreibt. Die Eltern, zumeist mit sich oder diversen Affairen beschäftigt, leben einen großbürgerlichen Stil vor und kümmern sich dabei herzlich wenig um das, was wir Pisafixierten von heute Bildung und Erziehung oder gar emotionale Geborgenheit im Elternhaus nennen. So fällt zum Beispiel erst bei einem sporadischen, einjährigen Schulbesuch im Alter von acht oder neun Jahren auf, dass das Kind zwar Geographie und Geschichte beherrscht, gut lesen kann, leider jedoch des Schreibens völlig unkundig ist.
Die Jugendjahre mit der Mutter an der Cote d’Azur sind das Zentrum des Buches, zu dem Sybille Bedford immer wieder zurückkehrt und von dem man spürt, dass sie ihr Leben entscheidend geprägt haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der finanzielle Krisen, sexuelle Freizügigkeit, offene Beziehungen und sogar die Morphiumsucht der Mutter gelebt und beschrieben werden – nicht etwa glücklich aber immer mit einem gewissen Stil – lassen die Ausbruchsversuche der 68erGeneration klein aussehen. Das liegt auch am Tonfall der Autorin. Der ist nie sentimental, nie sich selbst wichtig nehmend, sondern lakonisch und ironisch, dabei einfühlsam und warmherzig dort, wo sie über Freunde schreibt. Die Übersetzung trifft diesen Ton vorzüglich. Ebenfalls ganz vorzüglich ist die Ausstattung des Buchs. Ein cremefarbener Leineneinband und ein Schutzumschlag, der ein Strandfoto zeigt. Drei harmlos und unbeschwert aussehende junge Menschen in Badebekleidung. Es sind Aldous Huxley, Sybille Bedford und Eva Herrmann.
Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co, Frankfurt am Main

