Belletristik

Drucken

Buchempfehlung Belletristik

Autor
Becker, Zdenka

Der größte Fall meines Vaters

Untertitel
Roman
Beschreibung

Jede Woche besucht die Tochter ihren alten Vater, der zu Hause im Rollstuhl sitzt und in Erinnerungen an die Vergangenheit lebt – an seine Ehe mit einer schönen Kommunistin, an seine berufliche Laufbahn, die ihn vom einfachen Polizisten bis zum Polizeipräsidenten im Westen der Slowakei führte. Für seine Karriere entscheidend war ein spektakulärer Fall: Es gelang ihm, eine brutale Mörderin zu überführen, die ihren Mann enthauptet hatte. Jetzt, Jahrzehnte danach, wünscht sich der Vater, dass die Tochter ein Buch über seinen größten Fall schreiben soll … Obwohl sich diese anfangs zu wehren versucht, nimmt die Geschichte, die auch ihre eigene ist, sie mehr und mehr gefangen.
(Ausführliche Besprechung unten.)

Verlag
Deuticke Verlag, 2013
Format
Gebunden
Seiten
224 Seiten
ISBN/EAN
9783552062078
Preis
18,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Zdenka Becker, geboren 1951 in Eger, ist in Bratislava aufgewachsen und lebt seit den siebziger Jahren in Österreich. Sie schreibt in deutscher Sprache und wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Bücher (u.a.): Die Töchter der Róza Bukovská (Roman, 2006), Taubenflug (Roman, 2009).

Zum Buch:

Bevor Irma Sládeková für den aufsehenerregendsten Kriminalfall in der noch jungen CSSR sorgte, war sie eine schöne und begehrenswerte Frau. Ihr äußerst brutales Vorgehen bei der Ermordung ihres Geliebten sorgte für unglaubliches Aufsehen: Sie zerstückelte den Leichnam, versteckte den abgetrennten Kopf in der Toilette eines Zuges und verbrannte die restlichen Körperteile im Kamin ihres Hauses.In das Bild der jungen CSSR, die gerade versuchte, einen neuen, perfekten sozialistischen Menschen zu erschaffen, passte dieser brutale Mord, noch dazu begangen von einer Frau, überhaupt nicht.

Mit der Entdeckung der Tat ändert sich das Leben von Teo Murdoch, der die Ermittlungen führt, grundlegend. Das Überführen der Mörderin, die Rekonstruktion des Tatherganges sowie die Recherchen zu dem 7 Jahre zurückliegenden Unfalltod ihres Ehemannes und die Verhöre mutmaßlicher Beteiligter bestimmen über Jahre sein Leben und das seiner Familie.

Jetzt, fast neunzigjährig, im Rollstuhl, aber noch voller Tatkraft und Lebenswillen, möchte Teo Murdoch seinen größten Fall endlich auch dokumentieren lassen. Schreiben soll dieses Buch seine Tochter Lara, mit der er sich einmal in der Woche zum immer gleichem Ritual trifft: Baden, Essen, Reden und, als krönender Abschluss, die Spazierfahrt durch den Ort. Dafür lässt es sich Teo Murdoch nicht nehmen, seine alte, ausgediente Uniform anzuziehen und das Gefühl vergangener Zeiten von Jugend, Erfolg und Autorität wieder aufleben zu lassen.

Mit den Gesprächen über seinen größten Fall bekommt die Vergangenheit – auch seine und die seiner Tochter – eine andere Dimension. Und für Lara, die schon damals als 13-jährige enge Vertraute des Vaters war und eifrig in dem Fall „herumschnüffelte“, bekommen die Geschehnisse um den Mord, aber auch die Beziehungen innerhalb ihrer Familie eine neue Bedeutung.
Die Beweggründe der Mörderin, Aussagen der Kinder und Nachbarn, die Eheprobleme ihrer Eltern sowie das nicht immer systemadäquate Vorgehen ihres Vaters und sein Verständnis für die Mörderin während der Ermittlungen sind die noch fehlenden Mosaiksteinchen, die Lara helfen, Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen.
Überaus fein webt die Autorin aus Kindheitserinnerungen und aktuellen Erkenntnissen ein neues Ganzes, in dem die Besonderheit dieser Vater-Tochter-Beziehung unübersehbar ist.

„Der größte Fall meines Vaters“ besticht mit einem temporeichen pointierten Erzählstil. Kein überflüssiges Wort stört die Komposition der Sätze. Faszinierend ist, wie es der Autorin gelingt, den Schilderungen des Tatherganges die Grausamkeit zu nehmen. Sie lenkt den Blick auf die Vielschichtigkeit der Charaktere und trifft hier mit wenigen, aber präzisen Worten stets den Kern. Vom Genre eher kein Kriminalroman, wird der Leser dieses literarisch anspruchsvollen Buches dennoch von Anfang bis Ende in Spannung gehalten.

Wer Zdenka Becker, so wie ich, bisher noch nicht kannte, wird sie nicht mehr aus den Augen lassen wollen.

Brigitte Hort, Eitorf