Zum Buch:
Toby Brooke ist tot – „vermisst. Wahrscheinlich gefallen“ auf den Schlachtfeldern Flanderns. Dieses Schicksal teilt er mit Millionen junger Männer im ersten Weltkrieg, und seine Schwester Elinor teilt die Trauer und die Verzweiflung mit Millionen Hinterbliebenen. Und wie so viele andere will sie wissen, was das heißt: „Vermisst. Wahrscheinlich gefallen.“ Wo genau und wie genau ist der geliebte Bruder ums Leben gekommen? Wie ein roter Faden zieht sich die Suche nach Erklärungen durch „Tobys Zimmer“, einem weiteren Roman der durch ihre Weltkriegstrilogie bekannt gewordenen Autorin. Aber während Sie sich früher mit den traumatisierten englischen Weltkriegspoeten beschäftigt hat, wendet sie sich hier von der Literaturszene ab und den bildenden Künstlern zu, und damit eröffnet sie auch sprachlich eine ganz andere Perspektive. Elinor Brooke, Paul Tarrant und Kit Neville, die drei Protagonisten, besuchen die Slade School of Fine Arts, die Londoner Kunstakademie, die so viele – in England – bekannte Künstler hervorgebracht hat. Die drei jungen Leute gehen im Krieg eigene Wege: Elinor ist fasziniert von der menschlichen Anatomie, die sie im Sezierkurs kennenlernt, und assistiert ihrem Lehrer, dem Künstler und Arzt Harry Tonks, in den Kriegsjahren bei der Entwicklung der plastischen Chirurgie, Paul Tarrant wird offizieller Kriegsmaler und Kit Neville, der ehrgeizigste der drei, wird Soldat. Den beiden Männern gelingt es schließlich, für Elinor herauszufinden, wie – und warum – Toby ums Leben kam: nicht durch eine feindliche Kugel oder Granate, sondern durch eigene Hand, um ein Geheimnis zu wahren, dessen Enthüllung unvermeidlich Schande zur Folge hätte.
Mit „Tobys Zimmer“ – einer Anspielung auf Virginia Woolfs berühmten Roman „Jacob’s Room“ – entwirft Pat Barker erneut ein so lebendiges wie spannendes Bild der englischen Kunst- und Literaturszene im Ersten Weltkrieg; einer Szene, die hier nicht unbedingt allgemein bekannt ist, die aber ungeheuer fruchtbar war, gerade in ihrer Auseinandersetzung mit diesem Krieg und den damit verbundenen Umwälzungen. Leider fehlt ein Glossar, das die vielen, zum Teil realen Figuren erläutern könnte, die immer wieder auftauchen und dem Buch im englischen Original eine zusätzliche Authentizität und den Kontext verleihen, der sich der deutschen Leserin nicht in allen Fällen erschließt. Lesenswert ist „Tobys Zimmer“ aber trotzdem.
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main